"Unglaublich, was die SBB heutzutage so rekrutieren.", sagte der Mann mit meliertem Haar, zum jüngeren Herren, der vermutlich sein Arbeitskollege war, als ein farbiger Kondukteur die Tickets im Wagen sehen wollte. Mit diesem Satz zog der Greis die meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war eine jener Aussagen, die man einfach hören musste, egal wie laut man den iPod drehte.
Der jüngere fragte den älteren, im Businessanzug gekleideten Herren, ob er denn ein Problem damit hätte. "Nein, nein...", antwortete dieser, "es ist einfach undenkbar, dass noch vor dreissig Jahren ein Schwarzer bei den SCHWEIZER Bundes Bahnen eine Fahrkarte entwertet hätte. Heute ist es ja eine Seltenheit, wenn solch einer Deutsch kann."
Der jüngere, dem dieses Gespräch in der Öffentlichkeit nun unangenehm zu werden schien, wechselte hastig das Thema und erklärte, warum für ihn die Zugfahrt zum Flughafen jeweils bereits ein Feriengefühl sei. "Ach weisst du, ich fliege ja nur Business, dort beginnen für mich die Ferien. Zugfahren ist da mehr Mittel zum Zweck.", meinte der ältere und war in Gedanken bereits wieder bei den Ausländern. Man wisse nie, was einem am Ziel erwarte, erklärte er und fuhr sogleich fort: "Ich gehe ja im Februar in ein Land, in welches man auf keinen Fall gehen soll. Nach Burma. Weisst du, bei der aktuellen politischen Situation... Da kann man nie wissen, was auf einen zukommt. Wir fahren mit einem Schiff, das noch nicht gebaut ist. Das wird ein Abenteuer, kann ich dir sagen. Ein Freund von mir, der ein Reisebüro besitzt, der liess es extra anfertigen. Ich liess mir versichern, dass es dort ungefährlich sei, und weisst du, man muss ja den Leuten dort unten auch eine Chance mit Tourismus geben. Das ist meine Art von Entwicklungshilfe!"
Der Alte sah sich nun also als Helfer und Helden und fuhr sogleich weiter mit seinen Räubergeschichten, ohne dass der jüngere etwas hätte kommentieren können:
"Eigentlich hätten wir eine Kreuzfahrt im indischen Ozean geplant, aber das haben wir dann abgeblasen. Verstehst du, die wäre genau am Golf von Aden vorbeigezogen und die Piraten... Nein nein, dafür bin ich zu alt. Aber Burma soll toll werden. Und einer muss ja der Erste sein, der den Tourismus unterstützt."
Der jüngere wagte es nun nicht mehr, etwas zu sagen und starrte nur noch zum Fenster hinaus auf das Bahnhofsschild und hoffte wohl, dass er an seinem Wohnort angekommen sei, doch dem war nicht so und der alte Globetrotter wechselte das Thema auf den tragischen Tod der Frau des Golfclubvorsitzenden, bis dass der jüngere den Zug endlich verlassen durfte.
Es ist schon tragisch, dass ein Globetrotter zu einem derartigen Globetrottel wurde, der in seiner Rolle förmlich glänzte und die Welt verbessert, indem er Ferien macht. Natürlich darf er als Schweizer ins Ausland, aber ein Ausländer in der Schweiz... Ob er wohl weiss, dass er im Ausland auch ein Ausländer ist?
Donnerstag, 12. November 2009
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